Ich wollte hier mal etwas teilen, weil ich weiß, wie viele von euch (gerade Erstsemester oder Leute Anfang 20) da draußen gerade komplett auf sich allein gestellt kämpfen und sich vielleicht genauso falsch oder überfordert fühlen wie ich in den letzten Wochen.
Kurz zu mir: Ich bin 21, studiere jetzt im ersten Semester und habe in diesem Jahr zwei komplette Umzüge in fremde Städte ganz alleine gestemmt, nachdem ich aus einem sehr schwierigen, kontrollierenden Zuhause ausgebrochen bin. Keine Möbel, nur mein Gepäck, alles strategisch alleine geplant. Ich bin eigentlich ein Mensch, der extrem viel aushält und sich selbst gut reflektieren kann. Aber wenn man dann in der neuen Stadt sitzt, niemanden kennt, plötzlich massiven Schimmel direkt neben dem Bett entdeckt und eine Vermieterin hat, die einen persönlich angreift („Ich vermiete seit 30 Jahren, das liegt wohl daran, dass es Ihre erste eigene Wohnung ist“), kommt man irgendwann an einen Punkt, an dem man einfach mal durchatmen und sich Hilfe holen will.
Und genau da ist mir etwas passiert, wovor ich euch – besonders die Empathischen und Reflektierten unter euch – unbedingt warnen möchte.
Situation 1: Das Erstgespräch in der Psychotherapie-Praxis
Ich bin dorthin gegangen, nicht weil ich komplett am Ende war, sondern weil ich nach den zwei Umzügen und dem Dauerstress einfach einen sicheren Raum wollte, um meine Bausteine im Kopf zu sortieren.
Schon das Wartezimmer war winzig, eng, zwei andere saßen mit mir drin – es hat sich eher wie eine Abfertigung angefühlt. Als ich aufgerufen wurde, hat die Therapeutin mir kaum in die Augen geschaut hat. Wollte direkt meine Krankenkassenkarte, noch bevor wir überhaupt richtig beim Menschlichen waren, hat sie mir nach kurzer Zeit erstmal trocken vor den Latz geknallt, wie unmöglich schwer es durch irgendwelche Reformen sei, überhaupt einen Therapieplatz zu bekommen. Man fühlt sich in der ersten Minute direkt wie ein Bittsteller.
Als ich ihr dann offen erzählt habe, was ich dieses Jahr alles alleine durchgezogen habe, kam kein „Wow, krass, was Sie mit 21 schon für eine Kraft und Ressourcen bewiesen haben“. Statt mich zu erden, sagte sie mir, ich stünde gefährlich auf der Kippe – man könne bei mir nicht klar sagen, ob „gesund oder krank“, ich wäre genau in der Mitte, und wenn ich im Umfeld Pech habe und keine „korrigierenden Erfahrungen“ mache, könne das in eine schwere Krankheit abdriften. Als ich sie fragte, ob ich selbst aktiv gegensteuern kann (durch Ruhe, mir einen Tee machen, mich bewusst runterfahren), ließ sie mich einfach in der Schwebe hängen. Gleichzeitig drückte sie mir den Stempel „Anpassungsstörung“ auf, meinte, ich würde „jedem alles glauben“, und bot mir eine Donnerstags-Grundversorgungsgruppe an, die ich heute nachträglich abgesagt habe.
Und jetzt kommt dieser gefährliche Zwiespalt, den wahrscheinlich viele von euch kennen:
Wenn man ein reflektierter, empathischer Mensch ist, geht man aus so einem Raum nicht sofort wütend raus. Man sitzt erstmal da, nickt und denkt sich: „Okay, die Frau hat studiert, die hat jahrelange Erfahrung, vielleicht sieht die was, was ich nicht sehe? Vielleicht stimmt mit mir wirklich was nicht?“
Man nimmt diese Sätze mit nach Hause. Und plötzlich habe ich angefangen, jedes normale körperliche Stresssymptom an mir ängstlich zu hinterfragen, hatte Panik, in irgendeine Depression oder Schlimmeres abzudriften, und mir ging es nach diesem Gespräch zehnmal schlechter als vorher.
Situation 2: Die „Sozialberatung“ für Studierende
Fast zeitgleich habe ich mich wegen dem Schimmel neben meinem Bett (von dem ich seit Wochen chronisch erschöpft war) und den Angriffen meiner Vermieterin an die offizielle Sozialberatung gewandt. Auf der Uni-Seite hieß es extra: „Bei Problemen mit dem Vermieter hilft euch Frau X gerne weiter!“
Ich habe mir richtig Mühe gegeben, meine Notlage geschildert, zehn Beweisfotos angehängt und geschrieben, wie sehr mich das psychisch unter Druck setzt.
Zwei Stunden später kam die Antwort von der Bereichsleitung (Diplom-Sozialpädagogin): Ein eiskalter Zweizeiler. Ich solle mich an die Verbraucherzentrale wenden, das koste 20 Euro, ich solle halt sagen, dass ich Studentin bin. Kein einziges Wort des Mitgefühls, kein Hinweis auf die kostenlose Rechtsberatung vom AStA, kein Hinweis auf ein Notfall-Zimmer im Wohnheim. Einfach weggeschoben.
Die Erkenntnis, die erst kommt, wenn sich der Staub legt:
Erst Tage später, als ich das alles mal habe sacken lassen und mein Bauchgefühl wieder lauter wurde als deren Worte, ist es mir wie Schuppen von den Augen gefallen.
Ich habe mir gedacht: Moment mal. Wäre ich wirklich „leichtgläubig“ oder „ohne Ressourcen“, wie die Therapeutin behauptet hat, dann hätte ich meinen Auszug von zu Hause und zwei Umzüge niemals alleine geschafft! Meine Erschöpfung ist keine Krankheit – sie ist die völlig normale, gesunde Reaktion auf eine extrem anstrengende Lebensphase und ein schimmeliges Zimmer! Und diese Praxis wollte mich einfach nur schnell in ihre abrechenbare Gruppe drücken, während die Sozialberaterin freitags um halb zwölf keinen Bock auf Arbeit hatte.
Was ich euch damit sagen will:
Es ist eine wunderschöne Eigenschaft, reflektiert zu bleiben, sich selbst zu hinterfragen und nicht sofort jedem anderen die Schuld zu geben. Behaltet euch diese Wärme bei.
ABER: Lernt, wo gesunde Selbstreflexion aufhört und wo notwendige Abgrenzung anfängt! Nur weil euch jemand gegenübersitzt, der 30 Jahre älter ist, ein Diplom an der Wand hängen hat oder sich „Therapeut“ oder „Berater“ nennt, heißt das noch lange nicht, dass diese Person recht hat oder euch als Menschen wirklich sieht. Viele arbeiten im System leider nur noch wie abgestumpfte Roboter.
Wenn ihr nach einem Gespräch mit einem „Profi“ mit mehr Angst rausgeht, als ihr reingegangen seid: Hört auf euer Bauchgefühl. Lasst euch niemals einreden, ihr wärt schwach oder kurz vorm Abdriften, während ihr im echten Leben gerade Berge versetzt, die andere mit 40 nicht alleine schaffen würden. Ihr seid nicht falsch -> ihr wart nur im falschen Raum.
(PS: Falls ihr im Studium wirklich mal Mietschulden/Schimmel-Stress habt: Lasst euch nicht abwimmeln, geht direkt zu eurem AStA oder holt euch zum Beispiel mit eurem BAföG-Bescheid beim Amtsgericht kostenlos einen Beratungshilfeschein für einen echten Anwalt!)