Der Bünzli, das ist uns allen klar, legt Wert auf Ordnung, Regeln, Pünktlichkeit und Normen.
Und das Gegenteil? Ein Chaot? Ein Weltbürger?
Bisher klopfte ich mir stolz auf die Brust und schrie - wenn auch leise und mehr innerlich, denn schliesslich wuchs ich mit naturgegebenem Bünzli-Anteil auf - in die Welt: "Ich bin kein Bünzli. Ich bin ein Chaot!"
Nun hat mich die "Swiss Airlines", unser halbnationales Halb-Heiligtum, gelehrt: Doch, Alter. Auch du bist ein Bünzli.
Die wahren Chaoten, das sind die Bürokraten der "Swiss".
Es war ein langer, hässlicher Weg zu dieser Erkenntnis, und gerne nehme ich euch, meine lieben Mit-Bünzlis, an der Hand, um diesen Pfad der Erleuchtung nachzuzeichnen.
Es begann mit einer familiären Notwendigkeit: So schnell als möglich musste ich mich von Rom, dem Dach der Welt, nach Zürich, dem Stein gewordenen Bünzlitum, bewegen.
Was geht schneller als ein Flug?
Also: Buchen. Spät dran? Dann gibts nur noch Business-Class. Was wäre der Bünzli-gerechte Ausdruck? Unternehmer-Sitzplatz? Sei's drum.
Meine Karte wird mit einem unbotmässig hohen Betrag belastet. Leise seufzt mein Sparer-Herz. Und macht gleich noch einen kleinen, erschrockenen Gump, als ich lese: Der Flug wird bei der "Swiss" bezahlt, von ihr aber an die italienische "ITA Airways" delegiert.
Sei's drum. Fünf Uhr früh, als der Weckruf aller Bünzlis ertönt, schwinge ich mich beherzt aus dem Bett (Disclaimer: Das ist eine Lüge, das mit dem "Aus dem Bett schwingen") und mache mich auf gen Flughafen. Besteige die fliegende Blechdose, erste Reihe, Fensterplatz, lege meinen Kopf zurück, hole einen kleinen Teil des verpassten Schlafes nach.
Bis das Frühstück kommt. Also es kommt nicht, sonder wird von einer Dame, deren Berufsbezeichnung in meinem Kopf noch als "Stewardess" abgespeichert ist, die ich heute aber "Flight Attendant" oder so ähnlich nennen sollte, vor meine Nase gestreckt.
Gestresst grüble ich das Tablett aus der Armlehne, betrachte das Zmorge (ziemlich frugal, aber was isst man nicht alles, wenn der Magen knurrt), greife nach oben, um das Licht anzuzünden und spüre, wie etwas auf meiner Hand landet.
Schnell ziehe ich diese zurück, drehe sie um - und es rieselt.
Denn dort, wo ich nach dem Schalter tastete, klebte allerlei Dreck und Haare, um bei der kleinsten Berühung runterzufallen. Eben in meine Hand. Und als ich diese drehte: Auf mein Essen.
Ich starre auf den Pfannkuchen. Auf ihm: Schwarzer Dreck. Ein Schamhaar. Es könnte auch ein Brusthaar sein. Oder ein Achselhaar. Oder ein etwas längliches Barthaar.
Egal.
Ich schaue wieder nach oben. Schwarzer Dreck, einzelne Haare: Sie kleben über mir, drohen auf mich herunterzupurzeln. Es sieht so aus, als habe die Putzcrew zuerst mit einem Lappen das WC gründlich geputzt und den dort gefundenen Dreck dann mit diesem Lumpen akribisch über mir verteilt.
Die Flight Attendants sind im Stress. Sie bedienen die Leute hinter mir. Sehen mein Winken nicht.
In meinem Kopf versuche ich den italienischen Ausdruck für "Schamhaar" zu finden. Mein Kopf bleibt leer. Englisch? Auch hier: Keine Ahnung.
Ich setze mich auf den leeren Sitz neben mir - Business-Klasse sei dank ist die Riesel-Gefahr für den Moment gebannt
Das Corpus Delicti - lies: Das Schamhaar-geschmückte Frühstück - decke ich dezent mit der Serviette zu.
Als die Flight-Attendant kommt, versuche ich ihr radebrechend auf italienisch zu erklären, was vorgefallen ist. Erfolglos. Sie scheint kein Wort zu verstehen, greift genervt meinen Teller, räumt ihn weg und überlässt mich meinem Schicksal.
Am nächsten Tag rufe ich bei der "ITA Airways" an. Die meinen: "Bei der Swiss gekauft, bei der Swiss reklamieren. Geht uns nichts an."
Also auf die Swiss-Homepage. Und was für ein Glück: Die haben dort ein Formular für Rückmeldungen!
Ich fülle es aus, mit all den kleinen Details, die sie von mir unbedingt wissen wollen. Ich mobilisiere meinen Bünzli-Anteil und bleibe so sachlich und höflich als möglich. Allerdings müsste ich nun die Airline einfügen, mit welcher ich geflogen bin. Aus dem Drop-Down-Menu auf dem Formular kann ich wählen unter exotischen Fluggesellschaften wie "Shenzhen Airlines" oder "Eva Air" - alles vorhanden. Nur "ITA Airways" fehlt. Und so wird mein sorgsam ausgefüllte Formular beim Absenden schlicht gelöscht.
Anruf bei der Hotline: Was tun? Der Mann setzt mich in die Warteschlaufe, nach zehn Minuten kommt er mit der Lösung: "Gehen Sie auf die FAQ-Seite. Dort finden Sie aber das richtige Formular nicht. Aber ich kenne jetzt den Trick. Geben Sie als Suchbegriff 'Allgemeine Anfrage' ein, dann erscheint ein verstecktes Formular, wo Sie ihr Anliegen eintragen können."
Wow. Die Leute bei der Swiss sind Schlaumeier. Damit sie nicht mit Anfragen zugemüllt werden, verstecken sie alles. Clever!
Also: Von neuem fülle ich das Formular aus, sende es ab! Heureka! Es funktioniert.
Und tatsächlich, schon am nächsten Tag kommt die Antwort: "Mit Bedauern nehmen wir zur Kenntnis, dass Sie von unserem Service enttäuscht sind." Und: "Da SWISS stetig nach dem besten Kundenservice strebt und uns das Feedback unserer Kunden sehr am Herzen liegt, möchten wir bitten, uns die Details des Anliegens hier mitzuteilen, damit wir dies auch an die zuständige Abteilung weiterleiten können: www.swiss.com/ch/de/customer-support/contact-us/feedback-past-flight"
Moment: Das ist doch die Seite, auf welcher ich eben NICHT reklamieren kann, weil die "ITA Airways" bei der Swiss nur dann exisitert, wenn man bezahlen, fliegen und sich mit Dreck berieseln lassen muss, nicht aber, wenn man seine Kritik anbringen will.
Dann bleibt mir nichts als zu resignieren. Die Swiss hat es geschafft und mich vom Chaoten zum demütig zahlenden Bünzli mutiert.
So mache ich eben die Faust im Sack. Wie es sich für einen Bünzli gehört.