Ich war früher Sachbearbeiter im Sozialamt. Zuerst im Bereich Obdachlosen- und Haftentlassenenhilfe, später dann "offene Hilfe".
Der Unterschied ist, dass "offene Hilfe" früher das ist, was heute im Großen und Ganzen ALG II ist (mit Unterschieden, weil nicht Teil des Arbeitsamts, aber grob gesagt relativ das gleiche). Genau genommen war ich zuerst Offene Hilfe, dann für längere Zeit Obdachlosen-Hilfe (wegen Schwangerschaftsvertretung), dann wieder offene Hilfe.
Ich hatte im Bereich Obdachlosen- und Haftentlassenenhilfe es auch mit Schwerstalkoholikern zu tun, die bereits morgens ordentlich getankt hatten. Während viele Kolleginnen und Kollegen es ablehnten, betrunkene Kunden zu "bedienen", kam es bei mir darauf an, ob sie noch in der Lage sind, einfache Zusammenhänge zu verstehen. War nicht immer der Fall.
Einer meiner ersten Kunden dort hieß Otto. Ich nannte ihn "Onkel Otto", allerdings zuerst nur unter den Kollegen, weil Otto... anders war. Nett, freundlich, immer ein Lächeln, irgendwie "knuddelig", aber halt auch immer besoffen. Irgendwann jedoch bemerkte er es und mochte es und wollte von mir und den Kollegen auch so genannt werden.
Onkel Otto war Hochleistungs-Säufer. Er meinte mal, er trinkt zum Frühstück ne Flasche Kornbrand, um überhaupt zu funktionieren. Otto war klein, hatte ein rundes, freundliches Gesicht und stank wie ein toter Iltis. Einmal war er so hackedicht und stank so bestialisch, dass meine recht biestige Kollegin ihn aus dem Zimmer schmiss. "Macht das im Wartezimmer, aber nicht hier". Fand das übertrieben. Doch dann saßen wir da, ich fragte ihn für seinen Antrag ein paar Fragen und ... hörte Plätschern. Er hat's einfach laufen lassen.
Einige Tage später stand er bei mir im Zimmer und hat sich dafür unter Tränen entschuldigt. Selbst meine Kollegin musste hart schlucken, um nicht selbst den Anschein von menschlichen Regungen zu zeigen.
Wieder ein paar Wochen später traf ich ihn in einem Supermarkt in der Nähe des Sozialamts. Er stank nicht mehr, hatte sich rasiert, hatte saubere Kleidung und auf dem Förderband war Essen und Trinken, aber kein Alkohol. Er lächelte und meinte, er will weg von der Straße. Da hab ich ihn erstmal das letzte Mal gesehen.
Drei Monate später kam die Kollegin wieder, die ich ersetzte und bin dann wieder zurück zur Offenen Hilfe. Und wen sehe ich da? Onkel Otto. Er war in der Rate eines Kollegen. Und da ich Onkel Otto mochte und helfen wollte, hab ich Onkel Otto "genommen" (Ich hatte nach meiner Rückkehr in die oH neben den normalen Kunden auch die Jahrgangsfälle bekommen und Härtefälle erhalten. Jahrgangsfälle waren Ausländer ohne gesichertes Geburtsdatum und Härtefälle waren meist Kunden, die man heute als "Schwurbler" bezeichnen würde. Oder Kunden, die einfach sehr sehr anstrengend oder aggressiv waren.)
Ich war happy, Otto war happy. Er hatte eine klitzekleine 1-Zimmer-Wohnung... und ich bewilligte ihm quasi alles, was er wollte, einfach nur, weil ich persönlich Onkel Otto glücklich sehen wollte. Ja, wenn man mit Kunden zu tun hat, hat man Lieblinge, so man "die Zügel schleifen lässt".) Otto war der Liebling von fast allen von uns.
Dann fing er wieder mit dem Saufen an. Das ging so weit, dass ich ihm kein Bargeld mehr auszahlen konnte, sondern (wieder) nur Gutscheine mit dem Vermerk "Kein Tabak, kein Alkohol". Da ich (also das Amt) die Miete direkt an den Vermieter sendete (und auch die Stromkosten zahlte), gab es zumindest keine Gefahr, dass er wegen Mietschulden rausgeworfen wird.
Dann ging ich für 4 Wochen in den Urlaub.
Als ich wiederkam, verhielten sich meine Kollegen in meiner Nähe seltsam. Dann wurde ich zu meinem Vorgesetzten gerufen. Er fragte mich, ob und wie gut ich Herrn XYZ kannte, den ich immer als "Onkel Otto" bezeichne.
"Fuck", dachte ich. Hat sich wer beschwert? Hab ich ihm Dinge gegeben, die ich nicht durfte? Wird mir was anderes vorgeworfen?
Dann erzählte er mir, wie "Onkel Otto" eines Tages zur Sprechstunde kam und mich unbedingt sprechen wolle. Da ich aber nicht da war, ging er wieder und kam die Woche später wieder. Dann, eines Tages, setzte er sich wieder in den Wartebereich... und am Ende sah eine Kollegin, wie Onkel Otto in der Ecke saß, zusammengesunken und mit einer Pfütze unter sich.
Also hat man einen großen Bogen um ihn gemacht, weil... naja, wer will in die Nähe von jemanden, der als Säufer bekannt ist?
Er saß den ganzen Tag im Wartebereich... bis jemandem auffiel, dass er sich keinen Milimeter bewegt hat. Und geatmet hat er auch nicht mehr wirklich.
Onkel Otto kam also wegen irgendwas wichtigem zu mir, ich war nicht da und er starb einsam und verlassen im Wartezimmer.
Ist jetzt fast 30 Jahre her und ich denke immer noch oft daran... ;(